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Stufenweise Wiedereingliederung

Die Stufen­weise Wieder­eingliederung (auch: Hamburger Modell) ist eine Leistung der medizinischen Rehabilitation und soll arbeitsunfähige Beschäftigte nach längerer schwerer Krankheit mit einher­gehender Leistungs­minderung schrittweise unter ärztlicher Aufsicht wieder an die volle Arbeits­belastung gewöhnen und so den Wieder­einstieg in den alten Beruf erleichtern. Während der Stufenweisen Wieder­ein­glie­derung sind die Beschäftigten weiterhin krank­geschrieben und erhalten Krankengeld oder Übergangs­geld.

Grundsätzlich haben alle Beschäftigten – auch Teilzeitbeschäftigte, Auszubildende und Selbstständige – nach längerer Krankheit Anspruch auf eine Stufen­weise Wieder­eingliederung, wenn eine ausreichende Belast­barkeit vorhanden ist und die berufliche Eingliederung aus medizinischer Sicht Aussicht auf Erfolg hat.

Eine Stufenweise Wieder­eingliederung wird von der Ärztin oder dem Arzt in Abstimmung mit der Patientin oder dem Patienten sowie den Arbeit­gebenden verordnet.

Die erkrankte Person kann selbst entscheiden, ob eine Stufenweise Wieder­eingliederung grundsätzlich stattfinden soll oder nicht. Eine Ablehnung hat keine negativen Folgen – auch nicht für die weitere Zahlung des Kranken- oder Übergangsgeldes, bis die Arbeitsfähigkeit wieder hergestellt ist.

Arbeit­gebende dürfen eine Stufen­weise Wieder­eingliederung lediglich dann ablehnen, wenn sie ihnen – in Ausnahmefällen – nicht zumutbar ist.

Meist regen die behandelnden Ärztinnen oder Ärzte (Hausarzt/-ärztin, Facharzt/-ärztin), die Krankenversicherung oder ein anderer Rehabilitationsträger (Rentenversicherung oder Unfallversicherung) an, mittels Stufenweiser Wiedereingliederung in den Arbeitprozess zurückzukehren. Arbeitsunfähige Beschäftigte können die Stufenweise Wiedereingliederung aber auch von sich aus beantragen.

Die Stufenweise Wiedereingliederung ist eine Leistung der medizinischen Rehabilitation. Als Leistungsträger kommen die Krankenversicherung, Rentenversicherung sowie in speziellen Fällen auch die Agentur für Arbeit oder die Unfallversicherung in Frage. (Eine vergleichbare Leistung der Unfallversicherung ist die Belastungserprobung nach Arbeitsunfällen oder Berufskrankheit.)

  • Krankenversicherung
    Die Krankenkasse ist für die Stufen­weise Wieder­eingliederung zuständig, wenn diese beispielsweise von der niedergelassenen Ärztin oder dem niedergelassenen Arzt als Mittel zur Beendigung einer Arbeits­unfähigkeit empfohlen wird (§ 74 SGB V).

    Für die Dauer der Stufen­weisen Wieder­eingliederung liegt noch Arbeits­unfähigkeit vor und es besteht Anspruch auf Krankengeld. Die Ärztin oder der Arzt stellt einen Wieder­eingliederungsplan (Stufenplan) auf.
  • Rentenversicherung
    Die Rentenversicherung ist für Leistungen zur Stufenweisen Wiedereingliederung (Übergangsgeld) zuständig, wenn

    a) die Notwendigkeit einer Stufenweisen Wiedereingliederung bis zum Ende einer von der Rentenversicherung finanzierten medizinischen Rehabilitationsleistung in der jeweiligen Rehabilitationseinrichtung festgestellt und die Stufenweise Wiedereingliederung auch bis dahin eingeleitet wurde,

    b) die Stufenweise Wiedereingliederung unmittelbar auf eine medizinische Rehabilitationsleistung der Gesetzlichen Rentenversicherung folgt (§ 15 SGB VI in Verbindung mit §§ 44, 71 SGB IX).

Die Beschäftigten erhalten während der Stufenweisen Wiedereingliederung entweder

Arbeitgebende können während der Maßnahme auch freiwillig Arbeitsentgelt entrichten, was zu Kürzungen bzw. zum Wegfall der Entgeltersatzleistung führt.

Der für die Stufenweise Wiedereingliederung verantwortliche Leistungsträger leistet neben der Absicherung zum Lebensunterhalt auch Reisekosten als sogenannte „ergänzende Leistungen“.

Erstattung von Fahrtkosten/Reisekosten


Die Rechtsgrundlage für die Erstattung von Fahrtkosten findet sich in § 64 Absatz 1 Nummer 5 SGB IX in Verbindung mit § 73 Absatz 1 Satz 1 SGB IX: Demnach werden die Leistungen zur medizinischen Rehabilitation und zur Teilhabe am Arbeitsleben der Rehabilitationsträger durch sogenannte Reisekosten ergänzt, wenn diese mit der Ausführung der Leistung im Zusammenhang stehen (siehe hierzu > Urteil des SG Neuruppin vom 26.01.2017, S 22 R 127/14).

Unternehmen sind gesetzlich nicht verpflichtet, sich an den Fahrkosten zu beteiligen, auch wenn sie freiwillig einen Fahrtkostenzuschuss (gemäß § 23c SGB IV) vereinbaren können. Da Anträge auf Fahrkosten in der Praxis häufig zunächst abgelehnt werden, ist es ratsam, die Fahrkosten frühzeitig zu beantragen und bei Ablehnung ggf. Widerspruch einzulegen.

Besondere Regelungen gelten für die Stufen­weise Wieder­eingliederung von Beschäftigten, die amtlich anerkannt  schwerbehindert oder gleich­gestellt sind (siehe Urteil des BAG vom 13.06.2006, 9 AZR 229/05).

In diesen Fällen muss eine ärztliche Bescheinigung vorgelegt werden, die

  • einen Wieder­eingliede­rungs­plan über alle aus ärztlicher Sicht zulässigen Arbeiten und
  • eine Prognose darüber enthält, ob und wann mit der vollen oder teilweisen Arbeits­fähigkeit zu rechnen ist.

Arbeitgebende entscheiden anhand dieser Bescheinigung, ob ihnen die Beschäftigung zuzumuten ist. Halten sie diese für nicht zumutbar, können sie die Durchführung der Stufen­weisen Wieder­eingliederung ablehnen.

Wichtig: Auch im Rahmen einer Wieder­eingliederung können Beschäftigte mit amtlich anerkannter Schwerbehinderung eine anderweitige Beschäftigung verlangen, wenn sie behin­derungs­bedingt nicht mehr in der Lage sind, die bisherige Tätigkeit zu verrichten.

In Abstimmung zwischen allen Beteiligten (Arzt/Ärztin, Arbeitnehmerin/Arbeitnehmer, Arbeitgeberin/ Arbeitgeber) wird jeweils ein individueller Stufenplan erstellt, in dem die schrittweise Wieder­einführung in die bisherige Tätigkeit bis zum Erreichen der voll­ständigen Arbeits­fähigkeit festgelegt wird.

In der Regel dauert eine Stufen­weise Wieder­eingliederung zwischen sechs Wochen und sechs Monaten.

Der Stufenplan umfasst

  • Beginn und Ende der Stufen­weisen Wieder­eingliederung,
  • Einzelheiten über die verschiedenen Schritte,
  • ein Rücktrittsrecht vor dem vereinbarten Ende,
  • Gründe für einen Abbruch,
  • Ruhen von Bestim­mungen im Arbeits­vertrag während der Dauer der Stufen­weisen Wieder­eingliederung und
  • Höhe eines eventuellen Arbeitsentgeltes.

Die Stufen­weise Wieder­eingliederung endet erfolgreich, wenn die oder der Beschäftigte wieder voll belastbar ist. Wird die schrittweise Arbeitsaufnahme abgebrochen, gelten die erkrankten Beschäftigten weiterhin als arbeitsunfähig. In diesem Fall werden in der Regel weitergehende medizinische oder berufliche Rehabili­tations­maßnahmen oder auch eine Erwerbsminderungs­rente erwogen.

  • Zuerst wird der Stufenweisen Wiedereingliederung aus medizinischer Sicht zugestimmt.
  • Die erkrankte Person stimmt einer Stufen­weise Wieder­eingliederung selbst zu.
  • Arzt/Ärztin und Patient/Patientin füllen gemeinsam den Antrag auf Stufen­weise Wieder­eingliederung aus.
  • Arzt/Ärztin und Patient/Patientin erstellen gemeinsam einen „Wieder­einglie­derungs­plan“, aus dem hervorgeht, mit welcher Tätigkeit und Stundenzahl dieser beginnt und in welchem Zeitraum Art und Umfang der Tätigkeit gesteigert werden.
  • Die erkrankte Person legt Arbeitgeberin/Arbeitgeber den Antrag auf Stufen­weise Wieder­eingliederung vor – von der Zustimmung hängt die Durchführung der Maßnahme ab: Arbeit­gebende müssen ihr Einverständnis mit einer Unterschrift bestätigen, sind dazu aber nicht verpflichtet.
  • Es empfiehlt sich, eine Stellungnahme des Betriebsarztes/der Betriebsärztin bzw. des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) einzuholen.
  • Der Antrag wird bei der Krankenkasse eingereicht. Diese prüft, ob sie der Maßnahme zustimmt. Zum Teil bezieht auch die Krankenkasse den MDK mit ein.
  • Haben alle Beteiligten zugestimmt, kann die Maßnahme beginnen.
  • Während der eingeschränkten Beschäftigung bleiben die Beschäftigten weiterhin krank geschrieben.
(ml) 2022