Lernbeeinträchtigungen

Der Begriff Lernbeeinträchtigung umfasst als Sammelbegriff verschiedene Formen längerfristig erschwerten Lern- und Leistungsverhaltens. Für beeinträchtigtes Lernen existieren viele Begrifflichkeiten (Lernstörung, Lernschwierigkeiten/-Schwäche, Lernbehinderung), die zwar unterschiedliche Bedeutungen implizieren, aber häufig synonym verwendet werden.

Lernstörungen bezeichnen erwartungswidrige Minderleistungen beim Lesen, in der Rechtschreibung und/oder beim Rechnen. Nach ICD-10 zeichnet sich eine Lernstörung dadurch aus, dass die Leistung deutlich unter dem Niveau liegt, welches aufgrund des Alters, der allgemeinen Intelligenz (IQ > 85) und der Beschulung erwartbar ist.

Sehbeeinträchtigungen oder Hörbeeinträchtigungen sowie neurologische Erkrankungen dürfen für diese Diagnose nicht vorliegen. Im ICD-10 werden Lernstörungen als umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten bezeichnet. Neben den allgemeinen beziehungsweise kombinierten Lernstörungen umfasst der Begriff auch die sogenannten Teilleistungsstörungen. Dabei handelt es sich um inhaltlich begrenzte Lernstörungen des Lesens bzw. des Lesens und Rechtschreibens, des Rechtschreibens oder Rechnens.

Eine Lernbehinderung ist eine gravierendere Form der Lernbeeinträchtigung. Es handelt sich dabei um einen schulorganisatorischen Begriff, der Kinder und Jugendliche an Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen umfassen soll. Heute spricht man eher von einem sonderpädagogischen Förderbedarf im Förderschwerpunkt Lernen. Kriterien für eine Lernbehinderung sind zum einen ein erhebliches Versagen der schulischen Leistungen. Meist wird von einem Leistungsrückstand von mehr als zwei Schuljahren gesprochen. Zum anderen müssen erhebliche Defizite in der allgemeinen Intelligenz vorliegen (IQ < 85).

In der Forschung ist die Bezugnahme auf die allgemeine Intelligenz (IQ) umstritten. Deshalb gibt es den Begriff der Lernschwierigkeiten/-schwäche. Bei Lernschwierigkeiten wird auf den Bezug zum IQ verzichtet. Es handelt sich dabei um Schwierigkeiten in der Auseinandersetzung mit Lernanforderungen aller Art. Diese äußern sich in minderen Schulleistungen beim Lesen, in der Rechtschreibung und/oder beim Rechnen.

Die Ursachen von Lernbeeinträchtigungen sind vielfältig. Moderne Erklärungen für Lernbeeinträchtigungen gehen davon aus, dass Lernen als Handlung aus vier Komponenten (Basisfertigkeiten, Wissens- und Begriffssysteme, Metakognitive Fähigkeiten und Motivation) besteht und Kinder und Jugendliche mit Lernbeeinträchtigung in mindestens einer dieser Komponenten erhebliche Defizite aufweisen. Dabei spielen sozioökonomische Faktoren eine wichtige Rolle. So kann das soziale Umfeld eine negative Auswirkung auf Lernvoraussetzungen und Lernaktivität sowie auf die einzelnen Komponenten haben.

Um den Minderleistungen entgegenzuwirken, ist eine frühestmögliche Erkennung, Intervention und Förderung zu empfehlen. Bei gelingender Intervention und Förderung können viele Menschen mit Lernbeeinträchtigung ohne Probleme am Berufsleben teilhaben. Allerdings gibt es auch Menschen mit Lernbeeinträchtigung, die auch nach der Schule, in Ausbildung und Beruf, noch gezielte Unterstützung und Förderung benötigen.

Junge Menschen mit Lernbeeinträchtigung können während einer Berufsausbildung in Betrieben beziehungsweise Dienststellen schwerbehinderten Menschen per Gesetz gleichgestellt werden, auch wenn der Grad der Behinderung (GdB) unter 30 liegt oder bislang noch gar nicht festgestellt wurde.

Die Gleichstellung wird von der Agentur für Arbeit bewilligt. Die Gleichstellung ermöglicht zusätzliche Förderungen durch das Integrationsamt, zum Beispiel eine umfassende Betreuung durch einen Integrationsfachdienst (IFD) oder Prämien und Zuschüsse zu den Kosten einer betrieblichen Berufsausbildung. Integrationsfachdienste geben Tipps für den jeweiligen Einzelfall und bieten begleitende Betreuung an, bei Bedarf auch über die Einarbeitungszeit hinaus.

(kr) 2020