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Bibliographische Angaben zur Publikation

Vom Vorstellungsgespräch zum eigenen Telefonanschluss: Psychologie im Alltag der Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme - BvB


Autor/in:

Reichwald, Daniel


Herausgeber/in:

Bundesarbeitsgemeinschaft der Berufsbildungswerke e.V. (BAG BBW)


Quelle:

Berufliche Rehabilitation, 2008, 22. Jahrgang (Heft 4), Seite 247-253, Freiburg im Breisgau: Lambertus, ISSN: 0931-0889


Jahr:

2008



Abstract:


Daniel Reichwald beschreibt anhand des fiktiven Beispiels der 18-jährigen Anna-Maria den Übergang in die Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme (BvB) des Berufsbildungswerks. Anna-Maria hat die Sonderschule für Lernbehinderte erfolgreich verlassen und ist für die Teilnahme an der Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme angemeldet. Sie ist psychisch stabil und physisch gesund und neigt nur bei hohen und wechselnden Leistungsanforderungen zu psychosomatischen Kopfschmerzen.

Zum Vorstellungsgespräch erscheint sie mit ihren Eltern. In den Bewerbungsgesprächen kommt es häufig zu asymmetrischen Kommunikationsstrukturen und so bekommt auch Anna-Maria erst am Ende des Gesprächs die Möglichkeit, eigene Fragen zu stellen. Anna-Maria zeigt sich im Gespräch offen und auskunftsfreudig. Bei psychisch labilen Jugendlichen kann es jedoch zu dem Gefühl des Kontrollverlusts kommen, wenn beispielsweise mehrere Fragen nacheinander gestellt werden. In solchen Fällen sollte versucht werden, das Gespräch wieder auf Themen zu lenken, die den Jugendlichen nicht in Verlegenheit bringen.

Bereits zu Beginn der Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme lässt sich eine Rollenstruktur unter den Teilnehmern erkennen. So tritt der eine zum Beispiel dominanter auf und ein anderer wiederum stellt viele Fragen. Stellen sich schon zu Beginn Schwierigkeiten im Miteinander ein, können Gruppenregeln aufgestellt werden, an die sich die Teilnehmer zu halten haben.

Bei den werkpraktischen Unterweisungen wird deutlich, dass sich Anna-Maria aktiv mit ihrer Umwelt auseinandersetzt und von sich aus auf Leute zugeht. Um ihren psychosomatischen Kopfschmerzen vorzubeugen, nimmt sie einmal wöchentlich das Entspannungsangebot des Heilpädagogischen Dienstes in Anspruch.

Anna-Maria wurde sowohl von ihrem Reha-Berater als auch von den Mitarbeitern des Berufsbildungswerks über den Verlauf und die Anforderungen der Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme informiert. Wie jeder Jugendliche bringt auch sie ihre eigenen Handlungsstile mit in die Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme. Mithilfe psychologischer Tests können wenn nötig einzelne Dispositionen und Handlungsstile aufgezeigt und anschließend an defizitären Stilen gearbeitet werden.

Aus den so genannten Teilidentitäten ergeben sich je nach Lebensphase die Schwerpunkte. Anna-Maria wird diesbezüglich deutlich gemacht, dass sie eine Mitwirkungspflicht hat und die mit ihrer Ausbildung verbundenen Pflichten wahrnehmen müsse. Bei der Identitätsbildung ist es wichtig, dass die bisher in der Sozialisation erworbenen Erfahrungen mit der Realität, wie die Jugendlichen sie im Berufsbildungswerk vorfinden, in Einklang gebracht werden können.

Treten Schwierigkeiten im Miteinander oder nicht erfüllbaren Leistungsanforderungen auf, stellt sich die Frage, auf welche Ressourcen der Einzelne zurückgreifen kann, um ein stabiles psychisches Gleichgewicht zu bewahren. Bei ungeeigneten Kompensationsstrategien wie Ablenkversuchen kann ein Sozialtraining besucht werden, bei dem sich die Teilnehmer jeweils mit Selbst- und Fremdwahrnehmung ihres Verhaltens auseinandersetzen.

Nach Abschluss der Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme kann Anna-Maria die Ausbildungsreife für ihre weitere berufliche Entwicklung nutzen, denn sie hat damit den formalen Zugang zu einer Ausbildungsstelle. Die Teilnehmer der Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme sind den Auszubildenden zahlenmäßig weit unterlegen und werden zudem häufig abgewertet. Grundsätzlich geht man aber davon aus, dass es auch einer Minderheit gelingen kann, soziale Veränderungsprozesse anzustoßen. Der Autor macht dies anhand eines fiktiven Beispiels deutlich.

Die BvB-Teilnehmer haben kein eigenes Telefon in ihren Zimmern. Da Anna-Maria jedoch gerne telefoniert, überlegt sie, wie sie an einen Telefonanschluss kommen kann. Sie nutzt schließlich die soziale Gruppenstunde, um mit ihren Mitbewohnern und der sozialpädagogischen Fachkraft über das Thema zu reden. Trotz zahlreicher Gegenargumente beharrt sie auf ihrer Position und gewinnt nach und nach andere Wohngruppen für ihr Vorhaben.

Die BvB-Teilnehmer unterschreiben einen Antrag, der an die Jugendvertretung und schließlich an die Geschäftsführung weitergeleitet wird, die dem Antrag zustimmt. Letztlich ist dies der Initiative von Anna-Maria zu verdanken. Auch wenn die Initiative einzelner Personen nicht immer den gewünschten Erfolg bringen kann, soll dieses Beispiel verdeutlichen, dass gute Ideen und persönliche Standfestigkeit und Einsatzfreudigkeit belohnt werden.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


Berufliche Rehabilitation - Beiträge zur beruflichen und sozialen Teilhabe junger Menschen mit Behinderungen
Homepage: https://www.bagbbw.de/verband/fachzeitschrift/

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/ZS0062/6945


Informationsstand: 23.01.2009

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